Heute sitze ich im Sommerhaus im Süden Dänemarks und schreibe den wöchentlichen Essay für meine Website. Diesmal allerdings an einem Freitag und nicht wie üblich am Dienstag. Vielleicht liegt es am Urlaub. Vielleicht daran, dass ich nach der nächtlichen Anreise noch nicht wieder im normalen Rhythmus angekommen bin. Wahrscheinlich ist das aber auch gar nicht so wichtig.
Entscheidend ist: Ich schreibe.
Seit ich regelmäßig schreibe, stelle ich fest, dass es dabei viel weniger um eine Zielgruppe geht, als ich ursprünglich dachte. Schreiben zwingt mich dazu, mein schnelles Denken so weit zu verlangsamen, dass andere meinen Gedankengängen besser folgen können.
In den vergangenen Tagen fiel mir eine Schriftreihe in die Hände, die eng mit meiner Herkunft verbunden ist: Schwäbische Alb, Ostalb, manchmal auch despektierlich „schwäbisch Sibirien“ genannt. Und doch ist genau dort eine bemerkenswerte Dichte an Technologie- und Weltmarktführern entstanden. Unternehmen, die international ganze Industrien prägen und die außerhalb Baden-Württembergs trotzdem oft kaum jemand kennt — nicht zuletzt wegen der typisch schwäbischen Zurückhaltung.
Darum soll es heute allerdings nur am Rande gehen.
Viel interessanter ist, dass einer dieser Technologieführer bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Verständnis von Unternehmertum entwickelt hatte, das vielen heutigen Managern, Politikern und Wirtschaftsverbänden erstaunlich modern erscheinen müsste.
Die Rede ist von Carl Zeiss.
Ein Unternehmen, das schon vor mehr als hundert Jahren begriffen hatte, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung keine Gegensätze sind. Dort dachte man früh über Altersvorsorge, Gesundheitsversorgung, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten nach — nicht aus romantischem Idealismus, sondern weil man verstanden hatte, dass langfristige Leistungsfähigkeit nicht durch maximale Ausbeutung entsteht.
Und genau hier beginnt der eigentliche Widerspruch zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Debatte.
Denn derzeit wird uns wieder eingeredet, Wohlstand lasse sich primär durch „mehr Arbeit“ sichern. Mehr Stunden. Längere Lebensarbeitszeit. Weniger Freizeit. Weniger Schutz. Weniger soziale Balance.
Das Problem ist nur: Die Praxis widerlegt diese Erzählung bereits seit über hundert Jahren.
Der Mathematiker kennt den sogenannten Beweis durch Widerspruch. Vereinfacht gesagt: Es genügt ein einziges belegbares Gegenbeispiel, um eine allgemeine Behauptung zu falsifizieren.
Und genau dieses Gegenbeispiel existiert.
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Carl Zeiss und Ernst Abbe
Die folgenden Gedanken basieren auf zwei Vorträgen, die Ernst Abbe — Physiker, Unternehmer und Geschäftspartner des früh verstorbenen Carl Zeiss — am 6. November und 5. Dezember 1901 vor der Staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Jena hielt.
(Siehe Abschnitt VII https://www.gutenberg.org/cache/epub/19755/pg19755-images.html#VII)
Bereits damals formulierte Abbe einen Gedanken, der heute fast revolutionär klingt:
Die Leistung steigt bei sinkender Arbeitszeit.
Längere Arbeitszeiten führen eben nicht automatisch zu mehr Produktivität. Im Gegenteil: Irgendwann sinkt die Qualität der Arbeit, Fehler nehmen zu, Kreativität verschwindet und Menschen verlieren ihre langfristige Leistungsfähigkeit.
Das ist keine moderne LinkedIn-Wellness-Theorie. Das ist industrielle Erfahrung aus einer Zeit, in der Deutschland gerade begann, zur technologischen Weltspitze aufzusteigen.
Und daraus folgt unmittelbar ein zweiter Punkt.
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Hört auf, ständig nach China zu zeigen
Das ständige Argument „Die Chinesen arbeiten mehr, also müssen wir das auch“ greift viel zu kurz.
China ist — gemessen an Europa — eine vergleichsweise junge kapitalistische Volkswirtschaft. Das Land befindet sich in vielen gesellschaftlichen Entwicklungen an einem Punkt, den Europa bereits vor mehr als hundert Jahren durchlaufen hat.
Es geht nicht darum, China abzuwerten. Im Gegenteil: Die industrielle und technologische Entwicklung dort ist enorm beeindruckend.
Aber eine Gesellschaft besteht eben nicht nur aus Produktionskennzahlen.
Die eigentliche Frage lautet doch: Wie schafft man ein System, das wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit gesellschaftlicher Stabilität verbindet? Ein System, das Sicherheit, Gesundheit, Familienleben und sozialen Frieden ermöglicht?
Genau diese Fragen hat Europa über Generationen hinweg beantwortet — oft schmerzhaft, oft ineffizient, manchmal überreguliert, aber grundsätzlich erfolgreich.
Wer heute reflexartig nach China zeigt, argumentiert oft implizit nach dem Motto: „Früher war alles besser.“ Damit negiert man allerdings viele Errungenschaften, die Europa überhaupt erst zu dem gemacht haben, was es heute ist.
Ja, wir haben Probleme.
Teilweise massive.
Und ja, wir sind in manchen Bereichen weit über das Ziel hinausgeschossen. DSGVO-Auslegungen, Baurecht, Genehmigungsprozesse oder Teile des Steuerrechts haben teilweise eine regelrechte Verhinderungsbürokratie geschaffen.
Aber die Lösung kann trotzdem nicht darin liegen, wieder in eine Art modernen Manchester-Kapitalismus zurückzufallen — oder in ein feudales System, bei dem eine immer kleinere Gruppe Vermögen akkumuliert und der Rest primär als Kostenfaktor betrachtet wird.
Die Lösung liegt nicht im Rückschritt.
Die Lösung liegt darin, wieder nach vorne arbeiten zu können.
Das bedeutet:
- Sozialsysteme modernisieren, nicht zerstören.
- Gesundheitssysteme reformieren, nicht kaputtsparen bis zur Dysfunktion.
- Rentensysteme an neue Realitäten anpassen, ohne gesellschaftliche Sicherheit abzuschaffen.
- Bestehende Gesetze stärker möglichkeitsorientiert statt verhinderungsorientiert auslegen.
Denn genau daraus entsteht Zukunftsfähigkeit.
Nicht aus Angst.
Nicht aus Verzichtsrhetorik.
Und nicht aus der Forderung, Menschen müssten einfach nur wieder länger arbeiten.
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Nebenbei, Wir sind technologisch keineswegs irrelevant,
dass Europa und insbesondere Deutschland keineswegs bedeutungslos geworden sind, zeigen einige einfache Fakten.
Mit den Lithographiesystemen von Carl Zeiss und den Lasersystemen von Trumpf — beide zuhause in Baden-Württemberg — könnte heute kein Intel, kein AMD, kein Apple, kein ARM und auch kein TSMC moderne Hochleistungschips produzieren.
Darüber sollte man gelegentlich nachdenken.
Denn all das entstand nicht trotz gesellschaftlicher Verantwortung, sondern in vielen Teilen gerade wegen ihr.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre.
Die Stärke Europas war nie, Menschen maximal zu verschleißen.
Unsere Stärke war, Technologie, Ingenieurskunst, gesellschaftliche Stabilität und langfristiges Denken miteinander zu verbinden.
Genau das sollten wir wieder lernen.
Nicht weniger.
Vor allem aber kann die Lösung NIEMALS im Vergangenem liegen, es geht halt immer nur "nach Vorne".